Brief an das alte Jahr

Ein Nachruf auf das Jahr 2015!
Liebes altes Jahr,

als du dich uns Anfang Januar vorgestellt hattest, wachten viele von uns gleich am erstem Tag deiner Existenz unter sägenden Kopfschmerzen und mit einem widerlichen Kater auf. Wir hatten deine Ankunft am Vorabend wie die eines Sieger voller Überschwang und unter Unmengen von Alkohol gefeiert, obwohl wir nicht mal erahnen konnten, was du bringen würdest. Wir hatten Raketen in die Luft geschossen, uns umarmt und uns gewünscht, dass du „gut“ sein würdest.

Obgleich der Einstand also alles andere als rühmlich verlaufen war, hatten wir dir, dem unbekannten jungen Schnösel, ja immerhin mit Champagner in der einen und Canape in der anderen versprochen gehabt, was wir nicht alles für dich ändern würden. Wohl wussten wird alle, dass dir diese eilig gefassten Vorsätze vollkommen wurscht sein und wir bald kollektiv in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen würden.

Doch langsam haben wir uns miteinander angefreundet. Du hast ja auch ein paar schöne Erlebnisse mit dir gebracht, aber uns summa summarum letztendlich vollkommen enttäuscht. Man kann sagen, dass du nicht um ein Quäntchen besser warst als deine Vorgänger. Doch die Strafe folgt ja bekanntlich auf dem Fuß. Du wirst dich also heute nach erst zwölf Monaten unserer zweifelhaften Bekanntschaft mitten in der Nacht vom Acker machen.

Also eines können wir dir versprechen, weil du es selbst nicht mehr erleben wirst: Du wirst schnell vergessen sein und dir wird wohl kaum eine Träne nachgeweint.

Denn dein Nachfolger wird so was von besser sein als du – also Prost und tschüss, du altes Jahr!

Text: Michael Schaller

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